Nachlese

04.11.2023 10:00 - Uhr

Landschaften hören

Geige und Trompete sind zwar zwei äußerst verbreitete Instrumente. Dass sie aber miteinander musizieren, kommt in der Regel selten vor. Es ist ein ungleiches Paar: Gegen den kraftvollen Ton der Trompete hat die zarte Geige doch sowieso keine Chance. Aber gerade weil Geige und Trompete so gar nicht zueinander passen wollen, ist es umso erstaunlicher, dass sich Komponisten zwar selten, aber wenn, dann meist ausgesprochen ernsthaft auf eine kammermusikalische Auseinandersetzung dieser beiden Instrumente eingelassen haben. Bei "Ramsch und Rosen" verhält es sich ähnlich Hier haben sich zwei zugegebenermaßen ebenso unterschiedliche Menschen getroffen (schon die unterschiedlichen Geschlechter bekräftigen das Anderssein) und ihre gemeinsame Liebe für die Musik in ein Portfolio gegossen. Dass sie auch noch ein Paar sind, macht das sinnliche Erlebnis wahrscheinlich noch intensiver.

Denn Julia Lacherstorfer (Geige, Heohgeige, Bratsche, Gesang, Schellen, Trommel) und Simon Zöchbauer (Trompete, Zither, Flügelhorn, Piccolo-Trompete, Gesang, Shruti Box) wissen zu musizieren, nein mehr noch, die Musik, die sie machen, erfordert die Seele und Energie des Künstlerpaares, um jeder Aufführung Leben einzuhauchen, während der einfachste kreative musikalische Impuls eine ganze Symphonie hervorbringen kann. Volksmusik sei ihr Anliegen, sagen sie, oder das, was man daraus machen kann. In dieser geheimnisvollen Grauzone hat das Duo einen unverkennbar eigenen Weg eingeschlagen. Sie nehmen ein traditionelles Modell und definieren neu, was es sein kann, indem sie sich sowohl als Komponisten als auch als Interpreten betrachten, als Anhänger der geschriebenen Musik auf der Seite und als impulsive Kreative, die bereit sind, alles im Moment wegzuwerfen und der Intuition die Führung zu überlassen.

Ihr Programm, das sie zum Besten geben, ist zart und sinnlich, wenn Julia Lacherstorfer ihre Geige streicht oder ihre Stimme erhebt, hört die Zeit einfach auf, fortzuschreiten. Bewegung für Bewegung verzaubert sie die begeisterten Zuhörer und nimmt sie tief mit in eine musikalische Welt, die direkt zum Herzen spricht. Dazu die sanften Zitherklänge, die Simon Zöchbauer erzeugt, wenn er gerade nicht singt oder die Trompete spielt, von der er mehrere Exemplare unterschiedlichster Klangpersönlichkeiten dabei hat.

Wenn er die Trompete spielt, wunderschön inspirierte Musik mit langen und kurz wechselnden Klängen, durchsetzt mit nuancierten Mikroklang: reine melodische Entwicklung mit einer kreativen Bandbreite, die auf Emotionen abgestimmt ist, und genau die richtige Menge an Raum und Stille, die sich auf mysteriöse Weise ohne Anstrengung über eine riesige, stille Umgebung wölbt. Und wenn dann Julia noch die Terz dazu übernimmt und Stimme und Blech gemeinsam intonieren, ist das ein besonderer Moment.

"Ramsch und Rosen" lehrt uns Landschaften zu hören, jene Landschaften, in denen diese Musik wurzelt, oder auch Töne zu sehen. Die Musik fließt wie ein Fluss aus den beiden - groß, glitzernd und ungehindert. Sie spielen leise, ziehen uns an, lassen uns bezaubert oder beeindruckt sein. Sie wollen nie bekehren oder überzeugen, sondern widmen einfach all ihre Technik und Einsichten ihren sanften, aber kraftvoll überzeugenden Interpretationen. Es war eine höchste Freude, dieses Konzert im Emailwerk zu erleben.

(lf)