Nachlese

01.01.1970 01:00 - Uhr

Die Stunde der Seele

Lylit – der Name ist ein vorauseilender Ruf, verwoben mit ein paar mystischen Obertönen. Denn auch wenn man die blonde Frau bereits erlebt hat, was genau auf einen zukommt, bleibt in der Halbdämmerung verborgen. So gesehen ist die Namensähnlichkeit dieser Ausnahmekünstlerin mit einer Göttin aus der sumerischen Mythologie ein Fingerzeig auf das Unfassbare, das Unergründbare, das nie zur Gewissheit wird, selbst wenn man es gerade gehört hat.

Verbunden mit Klavier, Keyboard und feinstverkabelten Klanggehilfen kommt Lylit wie eine musikalische Abberation auf das Publikum hernieder. Schon der zärtlich gedämpfte, leicht bluesige Konzertbeginn offenbart eine Art ruhige Dramatik – widersprüchlich und dennoch in einer Selbstverständlichkeit zusammengehörig, wie ein in sich gekehrter Krieger vor einer Schlacht. Wer die Augen schloss, meinte spätestens beim zweiten Stück hin und wieder stimmliche Gleichklänge mit Tori Amos verbinden zu können, wobei man nicht sagen konnte, wer wen damit ehrt und ob überhaupt. Die aufblitzenden Elemente des Bekannten waren nur der Streich der eigenen Gedankenwelt, der Versuch der Verortung um sich mit etwas Orientierung Sicherheit zu verschaffen. Der Zustand währte nur kurz - Zeit loszulassen.

Lylit ist die Kombination des Ausschließenden. Ihre Stimme ist zu jeder Sekunde füllig und geladen wird aber niemals divenhaft voluminös. Sie wirft sich in ihren unfassbar komplexen Kompositionen in Gedankensprüngen zwischen Führungsstimme und Verzierung hin und her, bricht in einem Augenblick eine Lanze für einen zärtlich aufkeimenden Rhythmus, um ihn eine Sekunde später in einem Stakkato aus klagenden Einwürfen vergehen zu lassen. Sie schwankt zwischen kernigem Aufschrei und nahezu depressivem Seufzen – im gleichen Stück. Manchmal scheint es, als würde sie sich beinahe instinktiv gegen die Dramatik ihrer eigenen Kompositionen zur Wehr setzen, um ihren emotionalen Halt nicht zu verlieren. Lylit ist in ihren Liedern Jägerin und Gejagte zugleich und dieser Wechselwirkung, dieser Exposition der Gefühle konnte sich niemand entziehen. Was für die Zuhörer als Erstaunen begann, entwickelte sich an diesem Abend im Emailwerk zu einer ganz persönlichen Angelegenheit für jeden einzelnen im Publikum. Es spielt keine Rolle ob die Stücke „Breath“, „Pieces“ oder „Sun Is Low“ hießen, in den Reihen fesselten die Lieder und ihre hochemotionale Interpretation jeden gegen seinen Stuhl. Zumindest bis zu den Standing Ovations, mit denen die Zeit ihr bedauerlich jähes Ende fand.

Wie der Name schon sagt, bedarf es zur Kreation so eines abendlichen Gesamtkunstwerks nicht nur einer Stimme, die alles und jeden beschwören kann, erst das vollendete Zusammenspiel mit den Tasteninstrumenten und der äußerst nuancierte Einsatz der elektronischen Soundtechniken ließen das Blut gefrieren, Härchen sich aufrichten oder die Seele sich an jeder Note weiden – ganz wie die Frau im roten Kleid es wollte. Nein, nicht wie sie es wollte, wie sie es musste. Für Kalkül blieb kein spürbarer Raum. Wie vorhin gesagt, Standing Ovations…

(mw)